Chefarzt am Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit, Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Freiburg (Schweiz) und Autor mehrfach übersetzter Sachbücher über Resilienz, die Darm-Hirn-Achse und Psychedelika in der Psychotherapie.
«Darm-Intelligenz. Wie unser Bauch fühlt, denkt und heilt» zeigt, was die Wissenschaft über die verborgene Klugheit unseres Verdauungssystems weiss und was sie für unsere psychische Gesundheit bedeutet. Erschienen bei Schattauer.
Mehr zum BuchAls Chefarzt am Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit behandelt Gregor Hasler Menschen mit dem gesamten Spektrum psychiatrischer Erkrankungen, mit Schwerpunkten bei Depression, Essstörungen und bipolaren Störungen.
An der Universität Freiburg (Schweiz) erforscht er soziale, psychische und biologische Ursachen psychischer Störungen, von der Darm-Hirn-Achse bis zu neuen Therapieansätzen mit Psychedelika.
Seine Sachbücher wurden über 100 000 Mal verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt. Die Vermittlung von medizinisch-psychologischem Wissen an die Öffentlichkeit ist ihm ein zentrales Anliegen.
Über viele Jahre habe ich mich mit dem Thema Stress befasst, in der Behandlung von Patienten, aber auch im Umgang mit mir selbst. Aufgrund meiner Erfahrung und wissenschaftlicher Studien bin ich auf neun Faktoren gekommen, die einfach verständlich sind und die man leicht anwenden kann, um seine Widerstandsfähigkeit zu stärken. Sie beinhalten jeweils das Wort «richtig». Damit ist Korrektheit, aber auch Ausgewogenheit und Balance gemeint. Die Faktoren sind keine Gebrauchsanweisung, sondern Anregungen zur kreativen, widerstandsfähigen und nachhaltigen Lebensgestaltung. Alle sind gleichwertig und sollten jederzeit beachtet werden.
Resilienz ist ein lokales Phänomen. Digitale Beziehungen sind keine Stress-Puffer und ersetzen die soziale Unterstützung nicht. Entscheidend sind direkte Kontakte zu Menschen, die in unserer Nähe leben, wohnen und arbeiten und uns ungefragt Sicherheit vermitteln.
Tipp Erhöhen Sie die Zeit mit Menschen, die in Ihrer Nähe wohnen und mit denen ein gegenseitiger Austausch möglich ist.
Je grösser die soziale Unsicherheit, desto stärker wird die Wolfsnatur des Menschen. Wettbewerb kann zu Höchstleistungen anspornen, aber nur, wenn er nicht übertrieben wird. Das Leben ist meist kein Tennis-Turnier, sondern das Teilen eines Kuchens, den wir gemeinsam vergrössern können.
Tipp Fragen Sie sich bei Stress: Wer zieht am gleichen Strick? Wer sind meine Kooperationspartner? Wer steht mit mir in positiver Resonanz?
Menschen, die trotz Belastung positive Gefühle erleben, überstehen schwierige Situationen viel besser. Optimismus ist aber nur hilfreich, wenn er realistisch ist: Wer wichtige Entscheidungen fällen kann, profitiert mehr von einem guten Realitätsbezug als von überschwänglicher Zuversicht.
Tipp Erinnern Sie sich am Abend an drei positive Dinge, die Sie am Tag erlebt haben, und tauchen Sie noch einmal in diese Augenblicke ein.
Die Fähigkeit zur Anspannung ist zentral für die Resilienz, erst die Daueranspannung macht krank. Weil das Stress-System biologisch Vortritt hat, genügt ein Smartphone-Alert, um die Erholung zu verdrängen. Erholungszeiten müssen deshalb aktiv und bewusst organisiert werden.
Tipp Stellen Sie sich den Tag als Yoga-Übung vor: eine kräftige, beherzte Anspannung, gefolgt von Entspannung.
Das Belohnungssystem im Gehirn ist der grosse Gegenspieler des Stress-Systems. Kurzfristige, materielle Belohnungen haben Suchtpotential. Langfristige und intrinsische Belohnungen wie Freundschaften, berufliche Meilensteine und persönliche Erfüllung stärken die Resilienz.
Tipp Fragen Sie sich bei jeder Belastung, was die entsprechende Belohnung ist. Wählen Sie Herausforderungen, die langfristig belohnend sind.
Im einzelnen Augenblick gibt es keine Probleme, Stress entsteht erst durch den Blick in Vergangenheit und Zukunft. Wir sind zu 40 bis 50 Prozent gedanklich abwesend, und je gestresster, desto abwesender. Gegenwärtigkeit und Flow, auch der Mikroflow im Alltag, stärken die Widerstandskraft.
Tipp Fragen Sie sich, wo Sie zeitlich gerade sind. Setzen Sie Computer und Smartphone so ein, dass sie Ihren Flow nicht stören.
Identität hilft, sich selbst und seine Erfahrungen zu verstehen, und kann Konkurrenz in Kooperation verwandeln. Für die Resilienz ist es wichtig, sich nicht als Opfer, sondern mit positiven Dingen, Visionen und Langzeitperspektiven zu identifizieren: Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.
Tipp Fragen Sie sich: Was will ich wirklich? Welcher Gruppe fühle ich mich zugehörig? Was ist mein Traum?
Die wirksamste Selbst-Fitness sind Selbstwirksamkeitserfahrungen: aus eigener Aktivität und Kompetenz eine positive Veränderung bewirken, auch in schwierigen Situationen. Zugleich kann ein allzu grosser Selbstbezug Leistungsstress erzeugen. Im richtigen Moment Kontrolle abzugeben, ist gelegentlich das Beste für unsere Resilienz.
Tipp Suchen Sie Herausforderungen, bei denen Sie sich als einflussreich und kompetent erleben. Wählen Sie Vorbilder, die sich unter Belastung bewähren.
Schon 15 Minuten Jogging oder ein kurzes Krafttraining wirken antidepressiv, im Freien mehr als drinnen. Und der Darm ist ein enger Verbündeter des Gehirns: Eine ausgewogene, nicht-industrielle Ernährung mit Früchten, Gemüse, Nüssen und Olivenöl stärkt die guten Darmbakterien und damit die Resilienz.
Tipp Seien Sie jeden Tag mindestens 30 Minuten körperlich aktiv, vermeiden Sie industriellen Fastfood und ernähren Sie sich mit natürlichen Produkten.
Resilienz ist die richtige Balance auf verschiedenen Dimensionen. Positive Gefühle sowie der Umgang mit Spannung und Widerspruch sind ihr Fundament, nicht aber ein naiver Optimismus. Soziale Medien ersetzen lokale Beziehungen durch digitale, kooperative Beziehungen weichen kompetitiven. Für beide Veränderungen ist unser Gehirn nicht gemacht. Deshalb müssen wir aktiv Gegensteuer geben, in lokale Bezüge investieren und Kooperationen bewusst gestalten.
Gregor Hasler studierte Medizin in Zürich und Lausanne und bildete sich anschliessend in Innerer Medizin und Psychiatrie aus, unter anderem am Zürcher Universitätsspital und in der Privatklinik Hohenegg. Früh verband er die klinische Arbeit mit Forschung: Bei Jules Angst in Zürich lernte er die psychiatrische Epidemiologie kennen, die seinen Blick für die Häufigkeit und die Verläufe psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung prägte.
Von 2003 bis 2005 forschte er als Visiting Fellow am National Institute of Mental Health in Bethesda, USA, bei Dennis Charney und Wayne Drevets, wo er randomisierte klinische Studien zu Stimmungs-, Angst- und Suchterkrankungen plante und durchführte. 2007 habilitierte er sich an der Universität Zürich. Ein Forschungssabbatical führte ihn 2016 erneut in die USA, an die Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York.
2010 wurde er Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Bern, wo er die Abteilungen für Molekulare Psychiatrie und für Affektive Störungen leitete. Seit 2019 ist er Ordinarius und Chair des Departements Psychiatrie an der Universität Freiburg (Schweiz), Chefarzt am Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit und Leiter der psychiatrischen Forschungsabteilung. Er ist Past-Präsident der Schweizer Gesellschaft für Bipolare Störungen, präsidiert die Schweizer Gesellschaft für Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie und ist Fellow des American College of Neuropsychopharmacology.
Gregor Hasler spricht regelmässig an öffentlichen Veranstaltungen über Stress, Resilienz, Ernährung und psychische Gesundheit, unter anderem beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, am Gottlieb-Duttweiler-Institut, am Swiss eHealth Forum und am Präventionstag des Kantons Zürich. Daneben teilt er sein Wissen mit Organisationen und Unternehmen, die sich mit der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeitenden befassen.
In den Medien ist er ein gefragter Gesprächspartner, etwa in der Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens, und schreibt für Zeitungen wie die NZZ, die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und den Tages-Anzeiger. Anfragen für Vorträge, Interviews oder einen fachlichen Austausch erreichen ihn per E-Mail.
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